Ferrari 312 B3 "Spazzaneve"

Ferrari 312B3 „Spazzaneve“ (1972)

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Ferrari 312 B3 "Spazzaneve"

Ende August 1972 präsentierte Ferrari unter der technischen Leitung von Mauro Forghieri den revolutionären Ferrari 312B3. Mit einem extrem kurzen Radstand von 2.250 Millimetern, inspiriert vom Lotus 72-Konzept, verfolgte der Wagen das Ziel eines besonders niedrigen Schwerpunkts, zentral gebündelter Massen und maximalen Abtriebs. Die Proportionen – kurz, breit und flach – versprachen hohe Agilität auf verwinkelten Strecken sowie Stabilität über Bodenwellen und Curbs. Markant war die voluminöse Frontpartie mit zwei großen NACA-Ducts, die Luft durch das Fahrzeuginnere an Fahrwerkskomponenten und Kühler führten und seitlich wieder ausleiteten. Der so entstehende Venturi-Effekt vergrößerte die wirksame Unterbodenfläche erheblich. Forghieri nutzte dafür den Windkanal in Stuttgart. Zwei seitlich neben dem Fahrer platzierte Wasserkühler ermöglichten einen zentralen Kraftstofftank hinter dem Fahrer und ließen Raum für einen vollwertigen Frontflügel – mit klaren Vorteilen für Massenverteilung und Aerodynamik. In Ansätzen nahm der 312B3 damit Elemente moderner Endurance- und Formel-1-Fahrzeuge vorweg.

Die Testarbeit in Fiorano übernahmen Arturo Merzario und Jacky Ickx. Beide attestierten dem Wagen enormes Potenzial, beschrieben ihn jedoch als extrem schwierig zu fahren, insbesondere in engen Kurven. Am 10. September 1972 wurde der 312B3 beim Grand Prix von Italien in Monza vorgestellt. Journalisten tauften ihn wegen der wuchtigen Nase „Spazzaneve“ – Schneepflug. Unter großem Druck meldete Ferrari das Auto zunächst zum Rennen, zog es jedoch kurzfristig zurück: Mechaniker warnten, ein Motorwechsel würde aufgrund der ungewöhnlichen Konstruktion mehr als acht Stunden dauern.

Kurz darauf wurde das Projekt eingestellt. Fiat und Ferrari versetzten Forghieri in die Experimentalabteilung, seine Position übernahm Sandro Colombo. Zwar diente die B3-Basis 1973 weiter, jedoch in konventionellerer Form und mit einem in England gefertigten Monocoque – ohne durchschlagenden Erfolg. Erst Forghieris Rückkehr 1974 führte zur Wiederaufnahme zentraler Spazzaneve-Ideen und mündete in der erfolgreichen T-Serie. Rückblickend bezeichnete Forghieri den 312B3 als aerodynamische Denkfabrik und geistigen Wendepunkt.

Anders als viele andere Ferrari-Experimente verschwand der Spazzaneve nicht im Werk, sondern wurde verkauft und befindet sich heute in Privatbesitz.

Fotos/Text: Rainer Roßbach