
Diese radikale Ingenieursstudie eines Rennsport-Prototyps, entwickelt in den 1960er-Jahren, kombinierte ein bewährtes Leichtbau-Chassis mit einem ungewöhnlichen und ambitionierten Motorenkonzept. Herzstück war ein luftgekühlter 1,5-Liter-V12-Zweitaktmotor, der aus sechs Parallel-Twin-Motorradmotoren des Typs Ariel Arrow 250 konstruiert wurde. Diese Einheiten wurden in V-Form zusammengeführt und bildeten ein kompaktes Hochdrehzahl-Triebwerk mit bemerkenswerter Leistungsdichte.
Konzipiert wurde das Projekt von den Lotus-Spezialisten R. V. „Ron“ Marchant und Bill Hill. Ursprünglich war der Motor als potenzieller Antrieb für die Formel 1 vorgesehen. Doch mit der Umstellung des Reglements durch die FIA auf 3,0-Liter-Hubraum ab 1966 verlor das 1,5-Liter-Konzept abrupt seine Relevanz. Damit blieb der Rotorvic-V12 ein technisches Experiment.

Leistungstechnisch bewegte sich der außergewöhnliche Zweitakter auf einem bemerkenswerten Niveau. Je nach Abstimmung leistete das Aggregat zwischen 240 und 270 PS bei Drehzahlen von bis zu 10.000 U/min. Charakteristisch war dabei nicht nur die spezifische Leistungsentfaltung, sondern vor allem die akustische Signatur. Der Rotorvic-V12 war berüchtigt für seine extreme Lautstärke, die Zeitzeugen mit dem legendären BRM V16 verglichen. Das hochfrequente Klangbild unterstrich die kompromisslose Rennsportausrichtung des Projekts.
Nach Jahrzehnten, in denen Motor und Fahrwerk getrennte Wege gingen, wurden beide Komponenten wiedervereint und sorgfältig restauriert. Heute ist der Lotus-Rotorvic 23B regelmäßig bei historischen Motorsportveranstaltungen zu erleben, unter anderem beim Goodwood Festival of Speed. Dort demonstriert der Prototyp eindrucksvoll, wie innovativ und experimentierfreudig britische Ingenieure in den 1960er Jahren arbeiteten.

Fotos: Rainer Rossbach (3), Brian Snelson (1)/Text: Rainer Roßbach
