
Der Gruppe 5-BMW aus dem Jahr 1977 zählt zu den außergewöhnlichsten Rennfahrzeugen seiner Epoche. Während seine technische Basis kompromisslos auf den internationalen Tourenwagensport ausgelegt war, erhielt das Fahrzeug durch den amerikanischen Pop-Art-Künstler Roy Lichtenstein eine zweite Identität. Aus einem hochentwickelten Wettbewerbsfahrzeug wurde ein rollendes Kunstwerk, das bis heute die enge Verbindung zwischen Ingenieurskunst und Kultur verkörpert. Das Fahrzeug gehört zu den bekanntesten Exponaten der BMW Art Car Collection.
Die Karosserie wird von großflächigen grafischen Elementen geprägt. Charakteristisch sind die markanten Rasterpunkte, geschwungenen Linien und kräftigen Farbflächen in Gelb, Blau, Grün und Schwarz. Lichtenstein interpretierte Geschwindigkeit nicht durch klassische Rennstreifen, sondern durch eine abstrahierte Landschaft, die scheinbar über die Karosserie fließt. Das Fahrzeug vermittelt bereits im Stand Dynamik. Jede Seitenfläche erzählt eine eigene Geschichte über Bewegung, Perspektive und Geschwindigkeit. Damit unterscheidet sich dieses Art Car deutlich von einer gewöhnlichen Rennlackierung. Die Gestaltung ist integraler Bestandteil des Fahrzeugs und wirkt bis heute erstaunlich modern.

Unter der auffälligen Oberfläche steckt konsequente Renntechnik der Gruppe-5-Ära. Die extrem verbreiterten Kotflügel schaffen Platz für deutlich größere Räder und eine erheblich verbreiterte Spur. Frontspoiler, Seitenschweller und der markante Heckflügel dienen der Aerodynamik.
Die BMW-Ingenieure entwickelten den 320 Group 5 konsequent für den internationalen Rennsport. Das geringe Gewicht, der leistungsstarke Turbomotor und das präzise Fahrwerk machten ihn zu einem ernstzunehmenden Gegner auf den großen Rennstrecken Europas und Nordamerikas. Besonders die Kombination aus hoher Motorleistung und vergleichsweise kompakten Abmessungen verlieh dem Fahrzeug eine enorme Agilität.

Die Art Cars entstanden nie als reine Museumsobjekte. Sie wurden im Motorsport eingesetzt und mussten sich unter den extremen Belastungen von Langstreckenrennen bewähren. Genau dieser funktionale Hintergrund macht ihren besonderen Reiz aus. Kunst wurde nicht auf ein Ausstellungsstück projiziert, sondern auf ein Arbeitsgerät des professionellen Motorsports. Dadurch entstand eine völlig neue Form automobiler Kultur, die bis heute zahlreiche Hersteller inspiriert.
Die BMW Art Car Collection entwickelte sich anschließend zu einer der renommiertesten automobilen Kunstsammlungen der Welt. Internationale Künstler interpretierten immer wieder neue Renn- und Straßenfahrzeuge. Der 1977 entstandene BMW 320 verbindet die expressive Bildsprache Lichtensteins unmittelbar mit der kompromisslosen Technik der Gruppe 5.

Der BMW 320 Art Car ist weit mehr als ein historischer Rennwagen. Er dokumentiert eine Epoche, in der Motorsport, Aerodynamik und kultureller Ausdruck zu einer Einheit verschmolzen und damit ein Fahrzeug schufen, das bis heute gleichermaßen Technikbegeisterte, Designliebhaber und Kunstinteressierte fasziniert.



Fotos/Text: Rainer Roßbach
