
Mit der Studie beschreitet McLaren einen Weg zurück zu den mechanischen Grundlagen des Sportwagens. Die zweisitzige Studie ist als moderne Interpretation des M6GT gedacht, den Bruce McLaren Ende der 1960er-Jahre als Straßensportwagen auf Basis seiner Rennsporttechnik entwickelte. Das Projekt blieb nach McLarens Tod 1970 unvollendet. Erst 1992 wurde mit dem McLaren F1 das erste tatsächlich produzierte Straßenmodell der Marke vorgestellt. Der McL 6GT greift nun die frühere Idee erneut auf und soll 2028 als exklusives Serienfahrzeug außerhalb des bisherigen McLaren-Kernportfolios auf den Markt kommen.
Bereits im Juli 2026 hatte McLaren Special Operations den historischen M6GT für das Goodwood Festival of Speed rekonstruiert. Grundlage waren historische Zeichnungen, originale Karosserieformen und ein zeitgenössisches M6A-Chassis. Die Rekonstruktion verdeutlichte die enge Verbindung zwischen McLarens Rennsport und der frühen Idee eines straßentauglichen Hochleistungsfahrzeugs.
Der neue McL 6GT übersetzt diese Verbindung in eine eigenständige moderne Form. Die Proportionen orientieren sich an einem Sportprototyp der späten 1960er-Jahre. Eine extrem niedrige Karosserie, die breite Spur, die flache Front und der weit nach hinten gezogene Aufbau prägen die Silhouette. Die Dachlinie geht nahezu ohne Unterbrechung in den hinteren Bereich über. Das Kammheck interpretiert die aerodynamische Grundidee des historischen M6GT neu. Statt eines klassischen Retrodesigns entsteht eine moderne Konstruktion mit historischen Proportionen. Einzelne Details stellen gezielte Verbindungen zur Vergangenheit her.
Das Racing-Loop-Motiv nimmt die Form der ursprünglichen M6GT-Rückleuchten auf und integriert sie in die Luftführung. Bruce McLarens historische Fahrzeugnummer erscheint als grafisches Detail, während der Speedy Kiwi unter anderem am Tankverschluss und im Innenraum zitiert wird. Technisch setzt McLaren auf eine konsequente Leichtbauarchitektur. Monocoque und Karosserie bestehen aus Carbonfaser. Das Material verbindet hohe strukturelle Steifigkeit mit geringem Gewicht und bildet damit die Grundlage für ein günstiges Leistungsgewicht. Sichtcarbon im Innenraum macht die Konstruktion unmittelbar erfahrbar. Dort kombiniert McLaren digitale Instrumente mit mechanisch wirkenden Bedienelementen, sichtbaren Carbonflächen und neu interpretiertem Box-Quilting.

Im Mittelpunkt steht jedoch der Schalthebel. Er wird bewusst als haptisches Zentrum des Cockpits gestaltet. Der Schaltknauf trägt ein dreidimensional ausgeführtes Speedy-Kiwi-Motiv und unterstreicht die Bedeutung der manuellen Kraftübertragung. Der McL 6GT erhält ein manuelles Getriebe. Seit dem McLaren F1 von 1992 hat kein McLaren-Serienfahrzeug wieder diese Form der Kraftübertragung angeboten.
Der Antrieb erfolgt über einen V8-Verbrennungsmotor auf die Hinterräder. Konkrete Leistungsdaten nennt McLaren bislang nicht. Entscheidend ist daher die technische Architektur: hydraulische Lenkung, klassische Bedienelemente und eine mechanischere Rückmeldung sollen die Verbindung zwischen Fahrer und Fahrzeug unmittelbar halten. Der McL 6GT setzt damit einen Kontrapunkt zu modernen Hochleistungsfahrzeugen, deren Dynamik zunehmend von Elektronik, aktiven Fahrwerken, Allradantrieb und softwarebasierten Systemen geprägt wird. Gleichzeitig bleibt die technische Basis eindeutig McLaren. Carbonfaser-Leichtbau, Heckantrieb und die Konzentration auf ein möglichst direktes Fahrerlebnis verbinden die historische Rennsportphilosophie mit aktueller Konstruktionstechnik.
Auch die Motorsportaktivitäten der Marke bilden einen zeitlichen Kontext. Für 2027 kündigt McLaren die Rückkehr mit dem MCL-HY in die Topklasse der FIA World Endurance Championship und zu den 24 Stunden von Le Mans an. Während der MCL-HY Bruce McLarens M6A-Erbe mit moderner Hybrid- und Aerodynamiktechnik weiterführt, überträgt der McLaren McL 6GT die Grundidee eines leichten, direkten und mechanisch kommunizierenden Sportwagens auf die Straße.



Fotos: McLaren/Text: Rainer Roßbach
