
Das New Yorker Kunstkollektiv MSCHF überträgt mit „Motomorphosis“ Prinzipien aus der digitalen Animation in die reale Automobilwelt. Zwei elektrifizierte Fahrzeuge von Lexus werden dabei vollständig in ihrer Geometrie verändert. Das Ergebnis sind zwei lebensgroße Skulpturen, bei denen Karosserie, Verglasung und Leuchten ihre ursprünglichen räumlichen Beziehungen verlieren.
Ausgangspunkt des Projekts ist eine Bildsprache aus der Animation. Begriffe wie „Squash and Stretch“ und „Smear Frames“ beschreiben dort die gezielte Verformung von Figuren oder Objekten, um Bewegung und Geschwindigkeit zwischen zwei Zuständen sichtbar zu machen. MSCHF überträgt dieses Prinzip auf reale Automobile und macht die temporäre Verformung dauerhaft. Die Karosserie wirkt dadurch nicht mehr wie eine starre, technisch definierte Hülle, sondern wie ein elastisches Volumen. Besonders deutlich wird dieser Ansatz beim „Circle Car“.

Grundlage ist der Lexus RZ450e. MSCHF biegt die gesamte Fahrzeugstruktur so weit, dass sich Front und Heck berühren und ein geschlossener Ring entsteht. Die Räder liegen weiterhin entlang der äußeren Kontur, während der Innenraum der gekrümmten Fahrzeugform folgt. Trotz der radikalen Veränderung bleiben charakteristische Elemente des Serienfahrzeugs erkennbar. Gerade diese Kombination aus vertrauten Details und einer technisch unmöglichen Gesamtproportion bestimmt die Wirkung der Skulptur. Die ursprüngliche Funktion eines Automobils wird dabei grundlegend verändert. Ein Fahrzeug ist normalerweise auf eine eindeutige Längsrichtung, einen definierten Vorder- und Hinterwagen sowie die Fortbewegung auf einer Fahrbahn ausgelegt. Beim „Circle Car“ wird diese räumliche Logik aufgehoben. Anfang und Ende der Fahrzeugbewegung scheinen geometrisch miteinander verbunden.

Das zweite Objekt, der „Twisted Car“, basiert auf dem Lexus RX450h+. Hier verfolgt MSCHF einen anderen Ansatz. Der SUV wird entlang seiner Längsachse stark verdreht. Die Karosserie beschreibt dadurch eine ausgeprägte Torsionsbewegung um eine gedachte zentrale Achse. Linien und Flächen des Fahrzeugs folgen dieser Spiralform, während charakteristische Elemente des Lexus RX450h+ in die neue Geometrie integriert bleiben. Auch bei dieser Skulptur wird Bewegung nicht durch eine fahrende Maschine dargestellt, sondern direkt in die Form des Fahrzeugs eingeschrieben. MSCHF bezeichnet die beiden Arbeiten als „Form Cars“. Der Begriff grenzt die Objekte bewusst vom klassischen automobilen Concept Car ab. Während ein Concept Car normalerweise mögliche technische, gestalterische oder funktionale Entwicklungen eines künftigen Fahrzeugs untersucht, steht bei den „Form Cars“ die physische Transformation des bestehenden Fahrzeugkörpers im Mittelpunkt. RZ450e und RX450h+ werden damit nicht als neue Fahrzeugkonzepte präsentiert, sondern als Ausgangsmaterial für eine Untersuchung von Proportion, Bewegung und räumlicher Wahrnehmung.

Technisch betrachtet liegt die Besonderheit des Projekts deshalb weniger in einer neuen Fahrzeugtechnologie als in der radikalen Veränderung der Fahrzeuggeometrie. Die bekannten Karosserieelemente werden aus ihrem konstruktiven Zusammenhang gelöst und in neue räumliche Beziehungen gebracht. Aus dem funktionalen Automobil wird eine statische Skulptur, die Bewegung allein über ihre Form vermittelt. „Motomorphosis“ untersucht damit die Grenze zwischen Automobildesign, digitaler Bildsprache und physischer Form. Die beiden Lexus-Fahrzeuge bleiben anhand ihrer charakteristischen Merkmale identifizierbar, folgen jedoch nicht mehr den geometrischen Regeln eines konventionellen Automobils. Genau darin liegt der technische und gestalterische Ansatz des Projekts: Geschwindigkeit und Bewegung werden nicht dargestellt, sondern als dauerhafte Verformung in die Karosserie eingeschrieben.
Fotos: Motomorphosis, MSCHF, Lexus/Text: Rainer Roßbach
