Ford Nucleon

Ford Nucleon (1958): Atomkraft auf Rädern

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Der Ford Nucleon entstand Ende der 1950er-Jahre als visionäre Studie für eine automobile Zukunft, in der Erdöl möglicherweise durch Kernenergie ersetzt werden sollte. Vorgestellt wurde das Konzept 1958. Entwickelt wurde es im Advanced Styling Studio der Ford Motor Company, das bewusst Projekte untersuchte, die zehn bis 20 Jahre in die Zukunft blickten. Die Leitung der Styling-Abteilung lag bei George W. Walker. Am Entwurf des Nucleon waren außerdem James R. Powers und Alex Tremulis, Leiter des Advanced Styling Studio, beteiligt. Ausgangspunkt war zunächst eine konstruktive Packaging-Übung: Ein schwerer Antrieb sollte nicht wie bei einem konventionellen Automobil vorne, sondern im Heck angeordnet werden. Powers verlagerte deshalb die Fahrgastzelle weit nach vorn. So entstand die für den Ford Nucleon charakteristische Cab-forward-Proportion.

Der rund 5,08 Meter lange Entwurf besaß mit einem Radstand von rund 1,75 Meter,extrem große Überhänge. Die Vorderräder lagen unterhalb der Fahrgastzelle, während die Hinterräder weit nach hinten rückten, um die Masse des Reaktors aufzunehmen. Die kurze Distanz zwischen den Achsen sollte eine gute Wendigkeit im Stadtverkehr ermöglichen, brachte durch die hohe Hecklast jedoch auch erhebliche fahrdynamische Herausforderungen mit sich. Gleichzeitig vergrößerte die weit nach vorn gerückte Kabine den Abstand zwischen den Insassen und der nuklearen Energiequelle.

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Optisch erinnerte die gläserne „Bubble“-Kabine an die Cockpits von Kampfflugzeugen und an andere amerikanische Concept Cars der 1950er-Jahre. Das Dach war als freitragende Struktur ausgeführt. Dadurch konnte die Frontscheibe ohne konventionelle Säulen gestaltet werden. Lufteinlässe an der Vorderkante des Daches sowie zusätzliche Öffnungen in den Dachstützen sollten Kühlluft zum Heck führen. Dort saß die sogenannte Power Capsule, die den Reaktor aufnehmen sollte. Zwei Heckflossen markierten den Bereich des Antriebs und sollten bei hohen Geschwindigkeiten stabilisierend wirken. Für die Karosserie waren Aluminiumbleche vorgesehen, um Gewicht einzusparen.

Technisch sah Ford einen kleinen Kernreaktor vor, der durch die Spaltung von Uran-235 Wärme erzeugen sollte. Die Wärme wäre über einen primären Kühlkreislauf an einen Dampferzeuger übertragen worden. Der dabei entstehende Hochdruckdampf sollte Turbinen antreiben. Eine Turbine war für den Vortrieb vorgesehen, eine weitere für Kühlpumpen und elektrische Generatoren. Nach den Turbinen sollte der Dampf in einem Kondensator wieder zu Wasser werden und anschließend erneut dem Dampferzeuger zugeführt werden. Es handelte sich damit um einen geschlossenen Dampfkreislauf.

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Eine konventionelle Betankung war bei diesem Konzept nicht vorgesehen. Ford plante stattdessen eine austauschbare Power Capsule. Nach einer angenommenen Reichweite von rund 5.000 Meilen sollte eine spezialisierte Ford-Servicestation die verbrauchte Einheit ausbauen und durch eine neue ersetzen. Der Fahrzeughalter hätte somit niemals selbst mit Uran-Brennelementen umgehen müssen.

Die entscheidenden Probleme lagen jedoch nicht im Design, sondern in der Physik. Ein Reaktor benötigt wirksamen Schutz gegen Neutronen- und Gammastrahlung. Während Gammaquanten durch dichte Materialien wie Blei oder Wolfram abgeschirmt werden, benötigen Neutronen wasser- oder betonähnliche, wasserstoffreiche Materialien zur Moderation. Für einen Reaktor mit einer Leistung von etwa 100 bis 200 PS wurde ein Abschirmgewicht von ungefähr 50 Tonnen genannt. Die ursprüngliche Vorstellung, dass sich Masse und Baugröße der Abschirmung künftig entscheidend reduzieren ließen, erwies sich damit als nicht realisierbar.

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Hinzu kam die Wärmeabfuhr. Die vorgesehenen Lufteinlässe konnten die bei einem solchen Reaktorsystem entstehende Abwärme nicht ausreichend abführen. Auch die Unfallsicherheit stellte ein grundlegendes Problem dar: Eine schwere Beschädigung des Reaktors beziehungsweise seiner Einhausung hätte radioaktiven Dampf oder Kernmaterial freisetzen können. Der Ford Nucleon blieb deshalb eine Designstudie und wurde nie zu einem fahrbereiten Serienautomobil.

Erhalten ist heute ein nicht funktionsfähiges Modell im Maßstab 3:8. Es befindet sich im The Henry Ford Museum in Dearborn, Michigan, und war dort Bestandteil der Ausstellung „Driving America“. Das Museum verlieh das Modell auch an andere Institutionen, darunter das Atomic Museum in Las Vegas. Während der Entwicklung entstanden mindestens zwei Modelle: ein Gipsmodell zur Formuntersuchung und ein Modell aus Fiberglas für die Präsentation. Erhalten geblieben ist die Fiberglas-Version. Der Ford Nucleon bleibt damit ein bemerkenswertes Dokument jener Zeit, in der das Automobil-Design bereits eine nuklear angetriebene Zukunft entwarf, lange bevor deren technische Voraussetzungen tatsächlich existierten.

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Fotos: The Henry Ford/Text: Rainer Rossbach