
Mit wenigen Schritten verliert das K21 in Düsseldorf seinen vertrauten Charakter. Wo sonst helle Museumsräume Distanz schaffen, entstehen nun niedrige, gedämpfte Bildwelten, in denen Teppiche, Vorhänge und Tapeten jede Orientierung verändern. Die Architektur tritt zurück und macht einer Inszenierung Platz, die den Besucher nicht vor die Kunst stellt, sondern mitten in sie hineinzieht. Wer sich auf Sofas niederlässt, durch schmale Kabinen geht oder langsam über bedruckte Bodenflächen schreitet, wird selbst Teil dieser räumlichen Erzählung.
Verantwortlich für diese ungewöhnliche Verwandlung ist der kanadische Künstler Jon Rafman, dessen Ausstellung „Main Stream Media“ von Karen Archey kuratiert wird. Beide verbindet eine gemeinsame Studienzeit in Chicago. Diese persönliche Nähe prägt zwar das Vertrauen zwischen Kuratorin und Künstler, doch im Ausstellungsraum richtet sich der Blick konsequent auf eine andere Beziehung: jene zwischen Mensch und digitaler Gegenwart.

Rafman betrachtet das Internet nicht als Bedrohung, sondern als Lebensraum seiner Generation. Schon früh beschäftigt er sich mit den Möglichkeiten digitaler Bilder, virtueller Spiele und elektronischer Kommunikation. Gleichzeitig beobachtet er, wie sich diese Welt verändert. Die einst experimentelle Netzkultur weicht zunehmend einer Künstlichen Intelligenz, deren Perfektion den improvisierten Charme früher digitaler Erfahrungen verdrängt. Aus dieser Spannung entwickelt sich eine Bildsprache, die Faszination und Unbehagen zugleich auslöst.
Die Arbeiten folgen keiner klassischen Handlung. Stattdessen entstehen lose verbundene Szenen, Erinnerungsfragmente und Visionen. In einer Projektion sucht ein Mann verzweifelt nach einem verschwundenen Computerspiel, als versuche er, ein Stück seiner eigenen Vergangenheit zurückzuholen. Daneben laden kleine Kabinen dazu ein, Geschichten über imaginäre Reisen, Paläste oder Wüstenlandschaften zu verfolgen. Realität und Fiktion gehen dabei unmerklich ineinander über.
Besonders eindrucksvoll wirkt die Art, wie digitale Inhalte den gesamten Raum erobern. Alte Fernsehgeräte, Bildschirme, Projektionsflächen und begehbare Installationen schaffen keine Kulisse, sondern eine Umgebung, in der jede Bewegung Teil des Werks wird. Auf den Leinwänden erscheinen künstliche Figuren, überdimensionale Emojis, Verschwörungserzählungen, Aliens oder Tiere, die scheinbar aus der vertrauten Welt hervorkriechen. Immer wieder stellt sich die Frage, ob diese Bilder lediglich Fantasien darstellen oder längst Ausdruck einer Wirklichkeit geworden sind, die von digitalen Medien geprägt wird.

Noch intensiver wird diese Erfahrung in den dunkleren Bereichen der Ausstellung. Dort begegnen Besucher deformierten Gesichtern, alptraumhaften Familienbildern und grotesken Kreaturen, die mithilfe sprachgesteuerter Bildgeneratoren entstehen. Rafman nutzt neue Technologien nicht als Selbstzweck. Er setzt sie ein, um die Unsicherheit sichtbar zu machen, die mit ihrer rasanten Entwicklung wächst.
Eine weitere Werkgruppe greift auf Google Street View zurück. Seit Jahren sammelt Rafman zufällig entstandene Straßenszenen, die Fahrzeuge mit ihren Kameras weltweit erfassen. Aus diesen Aufnahmen entwickelt er mithilfe Künstlicher Intelligenz neue filmische Sequenzen. Zufällige Beobachtungen verwandeln sich in rätselhafte Erzählungen über Erinnerung, Verlust und das Verschwinden von Spuren.
Gerade darin liegt die besondere Wirkung der Ausstellung. Sie verlangt keine eindeutigen Antworten, sondern erzeugt denselben Sog wie das endlose Scrollen durch digitale Inhalte. Man folgt Bildern, Stimmen und Andeutungen, ohne das eigentliche Ziel noch benennen zu können. Erst beim Verlassen des Museums wird deutlich, wie intensiv diese künstlich geschaffene Welt den Blick auf die reale Umgebung verändert. Der Spaziergang hinaus an den Schwanenspiegel wirkt plötzlich wie die Rückkehr aus einer virtuellen Parallelwelt, deren Bilder noch lange nachwirken.






„Jon Rafman: Main Stream Media“
K21 Düsseldorf
1. bis 27. September Di.-So. 11 bis 18 Uhr
