
Das 1953 gebaute Mercedes-Benz 220 Cabriolet A der Baureihe W187 verkörpert die elegante Phase des frühen Nachkriegsautomobils. Vier Jahrzehnte später erhielt dieses klassische Cabriolet eine zweite Identität. Der japanische Künstler Hiro Yamagata verwandelte das Fahrzeug 1996 in ein rollendes Gemälde, das heute gleichermaßen Kunst und Automobilgeschichte repräsentiert. Die Grundlage bildet eines der feinsten Cabriolets seiner Zeit. Mercedes-Benz präsentierte den Typ 220 im Frühjahr 1951 als neues Sechszylindermodell mit modernem M180-Reihenmotor und obenliegender Nockenwelle.
Mit seiner hochwertigen Verarbeitung, den fließenden Kotflügeln und der ausgewogenen Linienführung galt das Cabriolet A als exklusivste offene Variante der Baureihe. Die Konstruktion verband klassische Handwerkskunst mit bemerkenswerter technischer Solidität. Fahrwerk, Fahrkomfort und Motorlauf setzten Anfang der fünfziger Jahre Maßstäbe und trugen wesentlich zum Wiederaufstieg der Marke nach dem Zweiten Weltkrieg bei.

Gerade diese zeitlose Eleganz machte das Cabriolet zum idealen Träger einer außergewöhnlichen künstlerischen Vision. Für sein Projekt bereitete Hiro Yamagata die Karosserie zunächst vollständig neu vor. Anschließend entstand ein großformatiges Gemälde direkt auf den Karosserieflächen. Tiefes Blau bildet den Hintergrund für eine leuchtende Landschaft mit tropischen Pflanzen, Papageien, Pfauen, Blumen und einem farbenprächtigen Regenbogen. Die Lackierung folgt keiner automobilen Dekoration, sondern einer zusammenhängenden Bildkomposition, die Kotflügel, Türen, Heckpartie und Motorhaube als Leinwand nutzt. Die Handschrift des Künstlers bleibt dabei unverwechselbar.
Die zurückhaltenden Proportionen des W187 mit seinen harmonischen Rundungen wirken wie ein ruhiger Rahmen für die intensive Farbwelt Yamagatas. Die langen Kotflügel, die geschwungene Gürtellinie und die feinen Chromleisten verlieren nichts von ihrer Eleganz. Vielmehr verstärken sie den Eindruck einer mobilen Skulptur, deren Form und Oberfläche miteinander verschmelzen. Das Fahrzeug zeigt eindrucksvoll, dass gutes Automobildesign auch Jahrzehnte später genügend Eigenständigkeit besitzt, um eine völlig neue gestalterische Ebene aufzunehmen.
Das Fahrzeug erzählt sowohl die Geschichte deutscher Ingenieurskunst als auch die internationale Entwicklung moderner Kunst. Dadurch entsteht ein Objekt, das Sammler klassischer Automobile ebenso anspricht wie Museen und Kunsthistoriker.

Unter der farbenprächtigen Oberfläche arbeitet weiterhin der klassische 2,2-Liter-Reihensechszylinder mit seiner für die Zeit fortschrittlichen Ventilsteuerung. Das Vierganggetriebe, die hochwertige Fahrwerkskonstruktion und die sorgfältige Fertigung erinnern daran, weshalb Mercedes-Benz bereits Anfang der fünfziger Jahre als Synonym für technische Präzision galt. Die mechanische Authentizität bildet einen spannenden Gegenpol zur expressiven Außenhaut.
Moderne Fahrzeuge werden zunehmend softwaredefiniert und über digitale Benutzeroberflächen individualisiert. Das Yamagata-Cabriolet zeigt dagegen eine analoge Form der Individualisierung. Nicht Algorithmen verändern die Identität eines Fahrzeugs, sondern menschliche Kreativität. Damit verweist dieses Einzelstück auf eine Entwicklung, die heute unter den Begriffen Individualisierung, Personalisierung und kultureller Markenwert erneut an Bedeutung gewinnt.
Das Mercedes-Benz 220 Cabriolet A by Hiro Yamagata verbindet klassische Automobiltechnik mit bildender Kunst, ohne die Identität des Originals zu zerstören. Es derweitert die Geschichte des W187 um eine kulturelle Dimension. Es ist ein außergewöhnliches Kapitel der Automobilgeschichte, das eindrucksvoll zeigt, wie Design, Ingenieurskunst und Kreativität über Jahrzehnte hinweg miteinander in Dialog treten können.
Informationen über das Petersen Automotive Museum finden Sie unter www.petersen.org.







Fotos: Petersen Automotive Museum, petersen.org/Text: Rainer Roßbach
