
Grundlage des ungewöhnlichen Einzelprojekts ist ein Porsche 911 Carrera 4 aus dem Jahr 2021. Das in Chicago ansässige Industriedesign-Studio Tangent entwickelte den Wagen nicht als klassische Rallye-Replika, sondern als eigenständige Interpretation eines höhergelegten 911 für unbefestigte Wege. Technisch steht dabei vor allem die Höherlegung im Mittelpunkt. Tangent entwickelte eine individuelle Fahrwerkslösung, die den 911 um 7,6 Zentimeter anhebt. Die serienmäßige Fahrwerkskonstruktion bleibt dabei erhalten.
Gleichzeitig schafft die zusätzliche Bodenfreiheit den notwendigen Raum für deutlich größere Offroad-Reifen. Gerade diese Änderung beeinflusst die gesamte Erscheinung des Porsche 911. Die Karosserie sitzt sichtbar höher über dem Fahrwerk, die Radhäuser wirken größer und die vertrauten Proportionen des 992 erhalten eine völlig neue Wirkung. Die Umsetzung einer solchen Modifikation ist bei einem modernen Porsche allerdings deutlich anspruchsvoller als bei einem klassischen Fahrzeug. Tangent musste die Höherlegung mit der Fahrzeugelektronik des 911 Carrera 4 in Einklang bringen. Der Allradantrieb war für das Projekt ausdrücklich gewünscht und gehörte zu den entscheidenden Voraussetzungen für die technische Auslegung.

Die Entwicklung begann 2019, nachdem Tangent bereits einen anderen 911 als Auftrag bearbeitet hatte. Anschließend entstand die Idee, einen eigenen Porsche für das Studio aufzubauen. Als Basis wurde ein Carrera 4 des Modelljahres 2021 ausgewählt und in der individuellen Farbe Paint-to-Sample Black Olive bestellt. Ein wesentlicher Bestandteil des Entwicklungsprozesses war die digitale Erfassung des Fahrzeugs. Tangent entfernte Teile der Karosserie und scannte Stoßfänger, Kotflügel, Radhäuser und Schwellerbereiche dreidimensional. Die gewonnenen Daten wurden anschließend in CAD weiterverarbeitet.
Auf dieser Grundlage entstanden unter anderem die verbreiterten Radläufe, der Frontbügel und der „Ducktail“-Spoiler am Heck. Trotz der digitalen Konstruktion blieb die Entwicklung stark vom physischen Prototypenbau geprägt. Tangent fertigte Bauteile in Originalgröße auf einem großformatigen 3D-Drucker und montierte sie direkt am Porsche. So konnten Form, Proportionen und Wirkung unmittelbar am realen Fahrzeug beurteilt werden. Selbst die späteren Räder wurden zunächst als Ausdrucke in Originalgröße neben den 911 gehalten. Erst danach entstanden die endgültigen geschmiedeten Aluminiumräder von Brixton Forged. Auch optisch folgt der Porsche 911 Urban Safari konsequent seiner technischen Idee.

Der Farbton Black Olive verändert je nach Licht seine Wirkung und kann von Grün bis nahezu Schwarz erscheinen. Gelbe Grafiken setzen Kontraste an den Fahrzeugflanken. Am Frontbügel sitzen bernsteinfarbene Leuchten, während auf dem Dachträger Bergeboards und eine Gerber-Axt befestigt sind. Der vollständig ausgeführte Ducktail am Heck verstärkt die Anmutung eines historischen Rallyeautos. Ein Heckscheibenwischer, den Tangent bereits beim Basisfahrzeug bestellt hatte, passt ebenfalls zum Konzept eines 911, der nicht ausschließlich auf befestigten Straßen unterwegs sein soll.
Der Porsche 911 Urban Safari ist ein Beispiel für die Verbindung von Industriedesign und Fahrzeugentwicklung. Tangent nutzte 3D-Scanning, CAD-Konstruktion, großformatigen 3D-Druck und Tests direkt am Fahrzeug, um die einzelnen Komponenten aufeinander abzustimmen. Das Ergebnis bleibt trotz der umfangreichen Änderungen eindeutig als Porsche 911 der Generation 992 erkennbar. Diese Balance zwischen vertrauter Silhouette und völlig veränderter Fahrzeuggestaltung macht den Urban Safari technisch und gestalterisch interessant.




Fotos: Tangent Motive Archive/Text: Rainer Roßbach
